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No. 1: TFP-SHOOTINGS

GRENZENLOSE MÖGLICHKEITEN

Kaum ein Fotograf* kommt, zumal in seiner Anfangsphase, ganz ohne sogenannte TFP-Shootings aus. TFP steht für Time for Pictures/Photos und meint ganz allgemein ein Fotoshooting, bei dem kein Geld fließt. Formal betrachtet heben sich das Honorar des Fotografen und die Gage des Models gegeneinander auf. Es handelt sich um eine Vereinbarung zu beiderseitigem Nutzen, denn die entstehenden Fotos können in der Regel sowohl vom Fotografen als auch vom Model für eigene Zwecke verwendet werden. Einzelheiten regelt ggf. ein Vertrag.


Das mit dem Nutzen ist jedoch so eine Sache, denn wann nützt es mir, Fotos „umsonst“ zu machen? Der häufigste Grund für TFP-Shootings aus Sicht eines Fotografen ist wohl die Erweiterung des eigenen Portfolios. Vereinfacht gesagt: Wenn ich mehr oder neue/andere Fotos für meine Website oder meine Social-Media-Profile benötige, ist ein TFP-Shooting oft eine gute Wahl, denn dabei sind meine eigenen Spielräume größer. Im Gegensatz zu bezahlten Auftragsarbeiten kann ich mir die Models im besten Fall aussuchen und das gesamte Setting vorgeben.


Ein TFP-Shooting bietet mir die Chance, kreativ zu werden und neue Dinge auszuprobieren. Das können neue Locations sein, gewagte Outfits oder auch neues Equipment, zum Beispiel für die Belichtung. Manche der Fotos, die auf diese Weise entstehen, sehen zwar beeindruckend aus, würden aber wohl eher selten von zahlenden Kunden genau so verlangt werden. Außerdem repräsentieren die "Models" solcher Shootings (mehr dazu in einem anderen Beitrag) nicht den typischen Kunden bzw. die typische Kundin. Somit ist auch klar, dass das Portfolio eines Fotografen in der Regel nicht das zeigt, was den „Alltag“ fotografischer Dienstleistungen ausmacht. Es ist eher ein Schaufenster der Möglichkeiten, und nicht zuletzt Eigenwerbung.


Bei einem TFP-Shooting kann es auch mal sehr kreativ zugehen.
ABLAUF UND ANSPRUCH

Mein Grundsatz bei TFP-Shootings lautet, dass die Initiative dazu von mir ausgeht. Das bedeutet, dass ich zunächst eine Idee davon habe, welche Art von Fotos bei dem Shooting entstehen soll. Der Fokus kann auf verschiedenen Aspekten liegen: Outfit und Makeup des Models, Location, Technik etc.

Der zweite Schritt besteht dann darin, ein Model für diese Idee zu finden und einen Termin zu vereinbaren. Dabei greife ich im besten Fall auf Models zurück, mit denen ich bereits Erfahrungen habe und deren Ausdrucksmöglichkeiten ich schon einschätzen kann. Die Suche nach einem neuen Model ist aber auch immer wieder spannend und bringt neue Erfahrungen mit sich.


Bei all dem kommt es auch schon einmal vor, dass die Initiative zu einem TFP-Shooting vom Model ausgeht oder sich die Idee erst während einer Unterhaltung ergibt. Dann allerdings weiß ich zumindest, auf wen ich mich einlasse. Die Voraussetzung für ein Shooting ist immer, dass ich die Idee interessant finde und dass ich mir die Ergebnisse als Bereicherung für mein Portfolio vorstellen kann. So finden die meisten TFP-Shootings innerhalb einer bestimmten „Szene“ statt, bestehend aus Fotografen und (Hobby-)Models, die häufiger Shootings machen.


DAS INSTAGRAM-PROBLEM

Die sozialen Medien sind in diesem Zusammenhang Fluch und Segen zugleich. Einerseits bieten sie die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu kommen und sich zu präsentieren. Andererseits vermitteln sie jedoch oft einen falschen Eindruck, was die Tätigkeit von Fotografen angeht. Für Außenstehende könnte der Eindruck entstehen, dass an jeder Ecke jemand darauf wartet, mit ihr oder ihm ein kostenloses Fotoshooting durchzuführen.


Doch diese Erwartung muss zumindest ich normalerweise enttäuschen. Es funktioniert nun einmal nicht so, dass sich einfach jemand melden kann, der gerne mal Fotos von sich hätte und dafür nichts bezahlen will. Mit dieser Erwartungshaltung würde man schließlich auch keinem Frisör oder Handwerker gegenübertreten. Davon gibt es nur selten Ausnahmen, wenn mich jemand von sich als Model oder von einer bestimmten Idee überzeugen kann.


Ohnehin sind TFP-Shootings vor allem für diejenigen Fotografen ein Problem, die ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise mit der Fotografie verdienen. Je mehr Shootings ohne Honorar durchgeführt werden, desto mehr schädigt das ihren Markt und ihr Ansehen. Fotografie wird von vielen leider als etwas angesehen, was ohnehin fast jeder kann und daher keine teuren Honorare mehr rechtfertigt. Danke, Instagram & Co.


MEIN WEG

Was dieses Problem betrifft, bin ich wie jeder andere gleichzeitig Betroffener und Verursacher. Daher habe ich mich dazu entschieden, TFP-Shootings fast nur noch innerhalb eines kleinen Kreises von Models durchzuführen, die ich bereits kenne. In diesen Fällen profitiere ich einerseits von den Erfahrungen der Models, andererseits kann ich ihnen mit meinen Ideen immer wieder einen Anreiz bieten. Der Anspruch steigt mit der Zahl der absolvierten Shootings.


Am Anfang steht die Idee, am Ende ein nicht alltägliches Foto.

Mein Portfolio finde ich mittlerweile ebenfalls ganz gut, so dass ich schon recht stark auswählen muss, welche Fotos dort auftauchen. Das bedeutet für mich, dass die Anzahl der TFP-Shootings ruhig abnehmen darf. Der Fokus richtet sich auf weniger, dafür auf interessantere und aufwändigere Ideen.



* Selbstverständlich beziehe ich hier auch Fotografinnen mit ein. Da ich hier vor allem aus meiner Perspektive schreibe, verwende ich der Einfachheit halber durchweg die männliche Form.

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